Diesen Text habe ich dreimal angefangen. Wobei „dreimal angefangen“ weniger die genaue Zahl der verworfenen Anfänge beschreibt, als einfach der Ausdruck dafür ist, dass es mir schwerfiel. Ich will etwas über Anfänge schreiben, darüber, wie es ist, loszulegen. Und ausgerechnet dabei, finde ich lange keinen guten Angriffspunkt. Es schien so einfach. Ursprünglich war da der Gedanke, zu dem Thema etwas aus der körperlichen Erfahrung beim Loslaufen abzuleiten – so, wie wir es oft in Workshops tun: das Gleichgewicht, die Ruhe beim Stehen, die Entscheidung für eine Richtung, das Verlagern des Gewichts, das Aufgeben des Gleichgewichts auf einem Bein, das Kippen nach vorn, der Moment, in dem es kein Zurück mehr gibt, das Zusammenspiel von äußeren Gegebenheiten, wie Untergrund, Gravitation, körperlichen Fähigkeiten und dem Willen, sich in eine Richtung zu bewegen, etwas zu verändern, zu bewegen, sich zu bewegen. Stellt man sich wirklich hin und versucht es ganz bewusst, dann kann man darüber in gute Gespräche kommen. Wir haben das oft in Workshops erfahren; es geht ganz leicht. Darüber sollte ich doch etwas schreiben können. Etwas sträubt sich. Es soll kein großes Ding werden, nur ein kleiner, leichter Text. Es ist mir aber auch nicht egal, ob es blöd wird. Vielleicht ist Schreiben doch etwas ganz anderes als Laufen: Stehen, Ziel anpeilen, Mut aufbringen, aus dem Gleichgewicht zu gehen, auf die Reflexe und Muskeln vertrauen, genauso wie auf meinen Gleichgewichtssinn, nicht zu viel hier, nicht zu wenig da, das richtige Maß aus Fallenlassen und Halt finden und all das für eine Bewegung in eine gewünschte – oder auch nur akzeptierte – Richtung nutzen. Vielleicht ist aber auch genau diese Richtung für diesen Text noch nicht klar genug. Mit dem Hinweis, bei Startschwierigkeiten doch einfach an die alltägliche Erfahrung beim Gehen zu denken, mache ich es mir doch etwas zu leicht, wie ich selbst merke. Ich möchte keine Kalendersprüche schreiben: „Es ist normal, wenn es etwas wackelt“ oder „Du musst halt wissen, wohin du willst“ oder „Wenn du gut abrollst, fällt der zweite Schritt schon leichter“ – diese Art von Ratschlägen scheint mir wenig hilfreich, wenn sich jemand gerade wirklich mit einem Anfang, mit dem Angehen einer notwendigen Veränderung beschäftigt, gerade wenn es um noch weit größere Vorhaben geht, als einfach nur einen kleinen Text zu schreiben. Also noch einmal das Ziel und die Motivation anschauen: Wozu schreibe ich diesen Text? Soll er die Erfahrung aus den Workshops ersetzen? Das wird kaum möglich sein. Ich schreibe diesen Text aus zwei Gründen: Ich möchte an einem Beispiel zeigen, dass und wie wir körperliche Erfahrungen in unsere Arbeit mit Teams einbauen, um miteinander ins Gespräch zu kommen. Hast du wirklich gerade ganz langsam und bewusst einen Schritt gemacht, das (Un-)Gleichgewicht gespürt, dann kannst du – im Rahmen eines Workshops – anders darüber sprechen, mit denen, die das auch gerade erlebt haben. Wir brauchen die gemeinsame Erfahrung im Raum, damit der Bezug zum Körper einen Mehrwert bietet. Wir können dann direkt an diese körperliche Erfahrung anknüpfen. Und wir können uns fragen: Was hat das mit unserer Zusammenarbeit zu tun? Wo fühlt sich etwas ähnlich an? An welcher Stelle, fällt uns das Gleichgewicht so leicht, dass wir nicht mehr darüber nachdenken? Was lässt uns zögern? Und wie lösen wir es? Welche Rolle spielen andere dabei, welche wir selbst? Dafür bietet eine solche Übung einen Rahmen, der noch lange nachwirken kann. Der zweite Grund warum ich diesem Text überhaupt schreibe, ist dass ich für mich selbst einen (Neu-)Anfang suche, um hier schriftlich über unsere Arbeit zu berichten. Damit erfüllt der Text einen gewissen Selbstzweck. Ich schreibe ihn, um anzufangen. Ich schreibe ihn, als ersten Schritt, um „ins Laufen“ zu kommen. Ich schreibe ihn, in der Hoffnung, eine Routine zu entwickeln, mit der ich regelmäßig über unsere Arbeit nachdenke und berichte. Insofern ist dieser Text ein erster Schritt, dessen Richtung noch gar nicht so wichtig ist. Wichtiger ist es für mich, den Schritt überhaupt zu tun, um loslaufen zu können, in Schwung zu kommen. Vielleicht hat so das Schreiben dann doch gewisse Gemeinsamkeiten mit dem Gehen. Vielleicht helfen mir diese Zeilen dabei, weitere Gedanken über unsere Arbeit in Bewegung zu bringen. Weitere Beiträge werden das zeigen. Ob sich daraus allgemeine Schlüsse, oder Ideen für dich ableiten lassen, möchte ich dir, liebe*r Leser*in an dieser Stelle selbst überlassen.
Schlagwort: Coaching
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Das Tetralemma

Das Tetralemma als Werkzeug in der Hypothesenbildung für die Beratung und Begleitung von Organisationen und im Coaching
Wir stellen euch das Tetralemma als Werkzeug für die Hypothesenbildung vor, wie wir es momentan verwenden. Es ist ein Denkwerkzeug, das insbesondere beim Verstehen neuer Situation, und ganz besonders für paradoxe Entscheidungssituationen sicher noch viele weitere Möglichkeiten bietet. Vielen Dank an Arne H. Teissen, der uns zu diesem Beitrag inspiriert hat!
Die Arbeit mit dem Tetralemma in der systemischen Beratung wurde maßgeblich von Matthias Varga von Kibéd und Insa Sparrer entwickelt und basiert auf einer systemischen Denkweise, die über klassische Dichotomien hinausgeht. Es eröffnet in der Beratung zunächst vier Perspektiven – Das Eine, Das Andere, Beides und Keins von Beiden. So wird in der systemischen Beratung und Prozessbegleitung ein Raum geschaffen, in dem neue innere und äußere Haltungen zu einem Sachverhalt eingenommen werden können und Kreativität für neue Lösungsansätze entstehen kann.
Hier soll es ganz praktisch darum gehen, wie uns das Tetralemma dabei hilft, Hypothesen zu hinterfragen. Dort wo die Gefahr besteht, Annahmen allzu schnell für selbstverständlich zu nehmen, ist das Tetralemma ein hilfreiches Werkzeug, um diese als Hypothesen zu erkennen und systematisch zu befragen.Ein Beispiel: Nehmen wir folgende Hypothese über ein Team an, das zu mehr Arbeitszufriedenheit und Stressreduzierung finden möchte: „Wenn das Team Aufgaben klarer priorisieren würde, gäbe es weniger Stress und mehr Zufriedenheit.“ Soweit unsere erste spontane Hypothese in einer Beratung. (Eigentlich sind das zwar auch schon mindestens zwei Hypothesen – aber nehmen wir einfach mal an, es wäre uns so als erstes eingefallen …)
Anhand des Tetralemma beleuchten wir diese Annahme aus vier Perspektiven:
Das Eine: Hier machen wir uns noch einmal klar, wie wir (und aufgrund welcher Beobachtungen) zu der Annahme gekommen sind und was für die Annahme sprechen würde: Indem Aufgaben im Maß ihrer Dringlichkeit voneinander unterschieden werden, könnte der Arbeitsfluss verbessert und Stress reduziert werden, weil jedes Teammitglied weiß, worauf es sich konzentrieren sollte und was aktuell weniger dringlich ist. Durch die so erlebte Selbstwirksamkeit könnte auch die Zufriedenheit steigen.
Das Andere: Es könnte aber auch sein, dass eine allzu starre Priorisierung und damit die Festlegung, was zuerst und was zuletzt bearbeitet werden soll, einzelne Teammitglieder unzufriedener macht, weil sie damit weniger ihrer Intuition, ihren Ideen, spontanen Impulsen folgen können. Darunter könnte auch die Qualität der Arbeit leiden. Unflexible Strukturen, die individuelle Kreativität und spontane Lösungsansätze einschränken, sollten dann lieber vermieden werden.
Beides: Wie könnte das Eine und das Andere gleichzeitig gelten? Hier suchen wir nach einer Möglichkeit, beides miteinander zu verbinden. Wir entscheiden uns dabei für eine von vielen(!) Möglichkeiten, klare Prioritäten als Rahmen mit Raum für Flexibilität und Kreativität zu verbinden – eine Balance zwischen Struktur und der Möglichkeit für Flexibilität und spontanem Handeln zu finden, könnte dann z. B. mit dem Team gemeinsam erarbeitet werden. Wenn beides für wichtig erachtet wird, könnte hieraus ein Beratungs- und Begleitungsauftrag formuliert werden.
Keins von Beiden: In unserem Fall könnte man in Erwägung ziehen, dass die Unzufriedenheit und das Stressempfinden im Team noch ganz andere Ursachen haben könnten. Möglicherweise ist der Sinn der Aufgaben nicht klar, oder es herrscht ein ungünstiges Konkurrenzdenken, das die erfolgreiche Teamarbeit beeinträchtigt. Hier sind wir also noch einmal eingeladen, unsere Grundannahme zu überprüfen.
Wichtig dabei ist, dass es bei der Gegenhypothese „Das Andere“ nicht nur eine, sondern viele Möglichkeiten gibt, ein „Gegenteil“ anzunehmen. Und auch die Verbindung von zwei Gegensätzen, kann auf sehr unterschiedliche Weise entstehen. (Siehe dazu von Kibéd und Sparrer zur Systemischen Strukturaufstellung)Übrigens gibt es auch noch eine 5. Position; diese nennen von Kibéd und Sparrer „all dies nicht – und selbst das nicht“ – auch wenn es mit dieser 5. Position im Tetralemma noch einmal richtig interessant werden könnte, genügen uns für die Hypothesenbildung auch erstmal die vier genannten Positionen.
Nachdem wir alle vier Positionen durchgegangen sind, haben wir meist ein differenziertes Bild davon, was nun hilfreich sein könnte und können entsprechend handeln.
Probiere es aus: Nimm dir etwas vor, das dir spontan als gewiss vorkommt, als selbstverständlich. Hypothesen über notwendige Veränderungen oder Voraussetzungen, die du dir für dein Arbeitsleben oder auch deinen privaten Alltag wünschst, könnten interessant sein, mit dem Tetralemma zu beforschen. Dabei wünschen wir dir viel Erfolg und interessante Erkenntnisse!Natürlich freuen wir uns, wenn du uns erzählst, wie es dir damit ergangen ist! Schick uns dazu also gerne eine Nachricht!
Vertiefen kannst du das Thema in Büchern von Insa Sparrer und Matthias Varga von Kibéd zur Systemischen Strukturaufstellung, wie etwa hier:

