Schlagwort: Überwindung

  • Erste Schritte

    Wage eine Schritt!

    Diesen Text habe ich dreimal angefangen. Wobei „dreimal angefangen“ weniger die genaue Zahl der verworfenen Anfänge beschreibt, als einfach der Ausdruck dafür ist, dass es mir schwerfiel. Ich will etwas über Anfänge schreiben, darüber, wie es ist, loszulegen. Und ausgerechnet dabei, finde ich lange keinen guten Angriffspunkt. Es schien so einfach. Ursprünglich war da der Gedanke, zu dem Thema etwas aus der körperlichen Erfahrung beim Loslaufen abzuleiten – so, wie wir es oft in Workshops tun: das Gleichgewicht, die Ruhe beim Stehen, die Entscheidung für eine Richtung, das Verlagern des Gewichts, das Aufgeben des Gleichgewichts auf einem Bein, das Kippen nach vorn, der Moment, in dem es kein Zurück mehr gibt, das Zusammenspiel von äußeren Gegebenheiten, wie Untergrund, Gravitation, körperlichen Fähigkeiten und dem Willen, sich in eine Richtung zu bewegen, etwas zu verändern, zu bewegen, sich zu bewegen. Stellt man sich wirklich hin und versucht es ganz bewusst, dann kann man darüber in gute Gespräche kommen. Wir haben das oft in Workshops erfahren; es geht ganz leicht. Darüber sollte ich doch etwas schreiben können. Etwas sträubt sich. Es soll kein großes Ding werden, nur ein kleiner, leichter Text. Es ist mir aber auch nicht egal, ob es blöd wird. Vielleicht ist Schreiben doch etwas ganz anderes als Laufen: Stehen, Ziel anpeilen, Mut aufbringen, aus dem Gleichgewicht zu gehen, auf die Reflexe und Muskeln vertrauen, genauso wie auf meinen Gleichgewichtssinn, nicht zu viel hier, nicht zu wenig da, das richtige Maß aus Fallenlassen und Halt finden und all das für eine Bewegung in eine gewünschte – oder auch nur akzeptierte – Richtung nutzen. Vielleicht ist aber auch genau diese Richtung für diesen Text noch nicht klar genug. Mit dem Hinweis, bei Startschwierigkeiten doch einfach an die alltägliche Erfahrung beim Gehen zu denken, mache ich es mir doch etwas zu leicht, wie ich selbst merke. Ich möchte keine Kalendersprüche schreiben: „Es ist normal, wenn es etwas wackelt“ oder „Du musst halt wissen, wohin du willst“ oder „Wenn du gut abrollst, fällt der zweite Schritt schon leichter“ – diese Art von Ratschlägen scheint mir wenig hilfreich, wenn sich jemand gerade wirklich mit einem Anfang, mit dem Angehen einer notwendigen Veränderung beschäftigt, gerade wenn es um noch weit größere Vorhaben geht, als einfach nur einen kleinen Text zu schreiben. Also noch einmal das Ziel und die Motivation anschauen: Wozu schreibe ich diesen Text? Soll er die Erfahrung aus den Workshops ersetzen? Das wird kaum möglich sein. Ich schreibe diesen Text aus zwei Gründen: Ich möchte an einem Beispiel zeigen, dass und wie wir körperliche Erfahrungen in unsere Arbeit mit Teams einbauen, um miteinander ins Gespräch zu kommen. Hast du wirklich gerade ganz langsam und bewusst einen Schritt gemacht, das (Un-)Gleichgewicht gespürt, dann kannst du – im Rahmen eines Workshops – anders darüber sprechen, mit denen, die das auch gerade erlebt haben. Wir brauchen die gemeinsame Erfahrung im Raum, damit der Bezug zum Körper einen Mehrwert bietet. Wir können dann direkt an diese körperliche Erfahrung anknüpfen. Und wir können uns fragen: Was hat das mit unserer Zusammenarbeit zu tun? Wo fühlt sich etwas ähnlich an? An welcher Stelle, fällt uns das Gleichgewicht so leicht, dass wir nicht mehr darüber nachdenken? Was lässt uns zögern? Und wie lösen wir es? Welche Rolle spielen andere dabei, welche wir selbst? Dafür bietet eine solche Übung einen Rahmen, der noch lange nachwirken kann. Der zweite Grund warum ich diesem Text überhaupt schreibe, ist dass ich für mich selbst einen (Neu-)Anfang suche, um hier schriftlich über unsere Arbeit zu berichten. Damit erfüllt der Text einen gewissen Selbstzweck. Ich schreibe ihn, um anzufangen. Ich schreibe ihn, als ersten Schritt, um „ins Laufen“ zu kommen. Ich schreibe ihn, in der Hoffnung, eine Routine zu entwickeln, mit der ich regelmäßig über unsere Arbeit nachdenke und berichte. Insofern ist dieser Text ein erster Schritt, dessen Richtung noch gar nicht so wichtig ist. Wichtiger ist es für mich, den Schritt überhaupt zu tun, um loslaufen zu können, in Schwung zu kommen. Vielleicht hat so das Schreiben dann doch gewisse Gemeinsamkeiten mit dem Gehen. Vielleicht helfen mir diese Zeilen dabei, weitere Gedanken über unsere Arbeit in Bewegung zu bringen. Weitere Beiträge werden das zeigen. Ob sich daraus allgemeine Schlüsse, oder Ideen für dich ableiten lassen, möchte ich dir, liebe*r Leser*in an dieser Stelle selbst überlassen.