Diesen Text habe ich dreimal angefangen. Wobei „dreimal angefangen“ weniger die genaue Zahl der verworfenen Anfänge beschreibt, als einfach der Ausdruck dafür ist, dass es mir schwerfiel. Ich will etwas über Anfänge schreiben, darüber, wie es ist, loszulegen. Und ausgerechnet dabei, finde ich lange keinen guten Angriffspunkt. Es schien so einfach. Ursprünglich war da der Gedanke, zu dem Thema etwas aus der körperlichen Erfahrung beim Loslaufen abzuleiten – so, wie wir es oft in Workshops tun: das Gleichgewicht, die Ruhe beim Stehen, die Entscheidung für eine Richtung, das Verlagern des Gewichts, das Aufgeben des Gleichgewichts auf einem Bein, das Kippen nach vorn, der Moment, in dem es kein Zurück mehr gibt, das Zusammenspiel von äußeren Gegebenheiten, wie Untergrund, Gravitation, körperlichen Fähigkeiten und dem Willen, sich in eine Richtung zu bewegen, etwas zu verändern, zu bewegen, sich zu bewegen. Stellt man sich wirklich hin und versucht es ganz bewusst, dann kann man darüber in gute Gespräche kommen. Wir haben das oft in Workshops erfahren; es geht ganz leicht. Darüber sollte ich doch etwas schreiben können. Etwas sträubt sich. Es soll kein großes Ding werden, nur ein kleiner, leichter Text. Es ist mir aber auch nicht egal, ob es blöd wird. Vielleicht ist Schreiben doch etwas ganz anderes als Laufen: Stehen, Ziel anpeilen, Mut aufbringen, aus dem Gleichgewicht zu gehen, auf die Reflexe und Muskeln vertrauen, genauso wie auf meinen Gleichgewichtssinn, nicht zu viel hier, nicht zu wenig da, das richtige Maß aus Fallenlassen und Halt finden und all das für eine Bewegung in eine gewünschte – oder auch nur akzeptierte – Richtung nutzen. Vielleicht ist aber auch genau diese Richtung für diesen Text noch nicht klar genug. Mit dem Hinweis, bei Startschwierigkeiten doch einfach an die alltägliche Erfahrung beim Gehen zu denken, mache ich es mir doch etwas zu leicht, wie ich selbst merke. Ich möchte keine Kalendersprüche schreiben: „Es ist normal, wenn es etwas wackelt“ oder „Du musst halt wissen, wohin du willst“ oder „Wenn du gut abrollst, fällt der zweite Schritt schon leichter“ – diese Art von Ratschlägen scheint mir wenig hilfreich, wenn sich jemand gerade wirklich mit einem Anfang, mit dem Angehen einer notwendigen Veränderung beschäftigt, gerade wenn es um noch weit größere Vorhaben geht, als einfach nur einen kleinen Text zu schreiben. Also noch einmal das Ziel und die Motivation anschauen: Wozu schreibe ich diesen Text? Soll er die Erfahrung aus den Workshops ersetzen? Das wird kaum möglich sein. Ich schreibe diesen Text aus zwei Gründen: Ich möchte an einem Beispiel zeigen, dass und wie wir körperliche Erfahrungen in unsere Arbeit mit Teams einbauen, um miteinander ins Gespräch zu kommen. Hast du wirklich gerade ganz langsam und bewusst einen Schritt gemacht, das (Un-)Gleichgewicht gespürt, dann kannst du – im Rahmen eines Workshops – anders darüber sprechen, mit denen, die das auch gerade erlebt haben. Wir brauchen die gemeinsame Erfahrung im Raum, damit der Bezug zum Körper einen Mehrwert bietet. Wir können dann direkt an diese körperliche Erfahrung anknüpfen. Und wir können uns fragen: Was hat das mit unserer Zusammenarbeit zu tun? Wo fühlt sich etwas ähnlich an? An welcher Stelle, fällt uns das Gleichgewicht so leicht, dass wir nicht mehr darüber nachdenken? Was lässt uns zögern? Und wie lösen wir es? Welche Rolle spielen andere dabei, welche wir selbst? Dafür bietet eine solche Übung einen Rahmen, der noch lange nachwirken kann. Der zweite Grund warum ich diesem Text überhaupt schreibe, ist dass ich für mich selbst einen (Neu-)Anfang suche, um hier schriftlich über unsere Arbeit zu berichten. Damit erfüllt der Text einen gewissen Selbstzweck. Ich schreibe ihn, um anzufangen. Ich schreibe ihn, als ersten Schritt, um „ins Laufen“ zu kommen. Ich schreibe ihn, in der Hoffnung, eine Routine zu entwickeln, mit der ich regelmäßig über unsere Arbeit nachdenke und berichte. Insofern ist dieser Text ein erster Schritt, dessen Richtung noch gar nicht so wichtig ist. Wichtiger ist es für mich, den Schritt überhaupt zu tun, um loslaufen zu können, in Schwung zu kommen. Vielleicht hat so das Schreiben dann doch gewisse Gemeinsamkeiten mit dem Gehen. Vielleicht helfen mir diese Zeilen dabei, weitere Gedanken über unsere Arbeit in Bewegung zu bringen. Weitere Beiträge werden das zeigen. Ob sich daraus allgemeine Schlüsse, oder Ideen für dich ableiten lassen, möchte ich dir, liebe*r Leser*in an dieser Stelle selbst überlassen.
Schlagwort: Workshops
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Das Tetralemma

Das Tetralemma als Werkzeug in der Hypothesenbildung für die Beratung und Begleitung von Organisationen und im Coaching
Wir stellen euch das Tetralemma als Werkzeug für die Hypothesenbildung vor, wie wir es momentan verwenden. Es ist ein Denkwerkzeug, das insbesondere beim Verstehen neuer Situation, und ganz besonders für paradoxe Entscheidungssituationen sicher noch viele weitere Möglichkeiten bietet. Vielen Dank an Arne H. Teissen, der uns zu diesem Beitrag inspiriert hat!
Die Arbeit mit dem Tetralemma in der systemischen Beratung wurde maßgeblich von Matthias Varga von Kibéd und Insa Sparrer entwickelt und basiert auf einer systemischen Denkweise, die über klassische Dichotomien hinausgeht. Es eröffnet in der Beratung zunächst vier Perspektiven – Das Eine, Das Andere, Beides und Keins von Beiden. So wird in der systemischen Beratung und Prozessbegleitung ein Raum geschaffen, in dem neue innere und äußere Haltungen zu einem Sachverhalt eingenommen werden können und Kreativität für neue Lösungsansätze entstehen kann.
Hier soll es ganz praktisch darum gehen, wie uns das Tetralemma dabei hilft, Hypothesen zu hinterfragen. Dort wo die Gefahr besteht, Annahmen allzu schnell für selbstverständlich zu nehmen, ist das Tetralemma ein hilfreiches Werkzeug, um diese als Hypothesen zu erkennen und systematisch zu befragen.Ein Beispiel: Nehmen wir folgende Hypothese über ein Team an, das zu mehr Arbeitszufriedenheit und Stressreduzierung finden möchte: „Wenn das Team Aufgaben klarer priorisieren würde, gäbe es weniger Stress und mehr Zufriedenheit.“ Soweit unsere erste spontane Hypothese in einer Beratung. (Eigentlich sind das zwar auch schon mindestens zwei Hypothesen – aber nehmen wir einfach mal an, es wäre uns so als erstes eingefallen …)
Anhand des Tetralemma beleuchten wir diese Annahme aus vier Perspektiven:
Das Eine: Hier machen wir uns noch einmal klar, wie wir (und aufgrund welcher Beobachtungen) zu der Annahme gekommen sind und was für die Annahme sprechen würde: Indem Aufgaben im Maß ihrer Dringlichkeit voneinander unterschieden werden, könnte der Arbeitsfluss verbessert und Stress reduziert werden, weil jedes Teammitglied weiß, worauf es sich konzentrieren sollte und was aktuell weniger dringlich ist. Durch die so erlebte Selbstwirksamkeit könnte auch die Zufriedenheit steigen.
Das Andere: Es könnte aber auch sein, dass eine allzu starre Priorisierung und damit die Festlegung, was zuerst und was zuletzt bearbeitet werden soll, einzelne Teammitglieder unzufriedener macht, weil sie damit weniger ihrer Intuition, ihren Ideen, spontanen Impulsen folgen können. Darunter könnte auch die Qualität der Arbeit leiden. Unflexible Strukturen, die individuelle Kreativität und spontane Lösungsansätze einschränken, sollten dann lieber vermieden werden.
Beides: Wie könnte das Eine und das Andere gleichzeitig gelten? Hier suchen wir nach einer Möglichkeit, beides miteinander zu verbinden. Wir entscheiden uns dabei für eine von vielen(!) Möglichkeiten, klare Prioritäten als Rahmen mit Raum für Flexibilität und Kreativität zu verbinden – eine Balance zwischen Struktur und der Möglichkeit für Flexibilität und spontanem Handeln zu finden, könnte dann z. B. mit dem Team gemeinsam erarbeitet werden. Wenn beides für wichtig erachtet wird, könnte hieraus ein Beratungs- und Begleitungsauftrag formuliert werden.
Keins von Beiden: In unserem Fall könnte man in Erwägung ziehen, dass die Unzufriedenheit und das Stressempfinden im Team noch ganz andere Ursachen haben könnten. Möglicherweise ist der Sinn der Aufgaben nicht klar, oder es herrscht ein ungünstiges Konkurrenzdenken, das die erfolgreiche Teamarbeit beeinträchtigt. Hier sind wir also noch einmal eingeladen, unsere Grundannahme zu überprüfen.
Wichtig dabei ist, dass es bei der Gegenhypothese „Das Andere“ nicht nur eine, sondern viele Möglichkeiten gibt, ein „Gegenteil“ anzunehmen. Und auch die Verbindung von zwei Gegensätzen, kann auf sehr unterschiedliche Weise entstehen. (Siehe dazu von Kibéd und Sparrer zur Systemischen Strukturaufstellung)Übrigens gibt es auch noch eine 5. Position; diese nennen von Kibéd und Sparrer „all dies nicht – und selbst das nicht“ – auch wenn es mit dieser 5. Position im Tetralemma noch einmal richtig interessant werden könnte, genügen uns für die Hypothesenbildung auch erstmal die vier genannten Positionen.
Nachdem wir alle vier Positionen durchgegangen sind, haben wir meist ein differenziertes Bild davon, was nun hilfreich sein könnte und können entsprechend handeln.
Probiere es aus: Nimm dir etwas vor, das dir spontan als gewiss vorkommt, als selbstverständlich. Hypothesen über notwendige Veränderungen oder Voraussetzungen, die du dir für dein Arbeitsleben oder auch deinen privaten Alltag wünschst, könnten interessant sein, mit dem Tetralemma zu beforschen. Dabei wünschen wir dir viel Erfolg und interessante Erkenntnisse!Natürlich freuen wir uns, wenn du uns erzählst, wie es dir damit ergangen ist! Schick uns dazu also gerne eine Nachricht!
Vertiefen kannst du das Thema in Büchern von Insa Sparrer und Matthias Varga von Kibéd zur Systemischen Strukturaufstellung, wie etwa hier:
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Sozialformen in Gruppenarbeit

Workshop-Gestaltung – Sozialformen und ein Rahmen für kreative Gruppenarbeit
Diese Übersicht richtet sich an Workshopleiter*innen und Menschen, die mit Gruppen arbeiten (wollen). Sie ist als allgemeine Orientierung für kreative Gruppenarbeit gedacht. Gerne beraten wir dich bei der individuellen Gestaltung, passend zu deiner Zielgruppe. Hier findest du einen methodischen Rahmen, der für uns, unabhängig von Thema und Zielgruppe, immer wieder hilfreich ist.
Workshops leben von Abwechslung und der aktiven Beteiligung der Teilnehmenden. Unterschiedliche Sozialformen und Methoden können dabei helfen, den Workshop-Prozess dynamisch zu gestalten und verschiedene Perspektiven sichtbar zu machen.
Grundsätzliches
Eine gute Orientierung für jede Form der Gruppenarbeit bietet das Prinzip:
Vom-Ich-zum-Du-zum-Wir. Bei der Gestaltung von Gruppenprozessen kannst du also darauf achten, dass zunächst einzelne Personen in der Gruppe ankommen sollten, es anschließend Verbindungen in Zweier-Konstellationen geben kann, und erst dann eine Seminargruppe als ganze Gruppe arbeitsfähig wird.
Eine weitere Orientierung bietet aus Sicht der Anleitung die Abwechslung zwischen Impulse in die Gruppe hineingeben und Impulse aus der Gruppe heraus aufnehmen. Gelingt hier ein zur Gruppe passender Rhythmus, kann ein gemeinsamer kreativer Flow entstehen.
„Flow“ entsteht zudem, wenn die Aufgaben und Anforderungen weder überfordern noch unterfordern. Regulieren lässt sich dies in der Anleitung durch die Anpassung der „Schrittlänge“. Meist hilft es, mit kleineren, leichteren Aufgaben zu beginnen und dann nach und nach die Schrittlänge zu erhöhen und dabei darauf zu achten, wann Aufgaben von der Gruppe noch als spannende Herausforderung gesehen werden können und wann Überforderung einsetzt.
Sozialformen und ihre Anwendung
Im Folgenden findest du eine Übersicht über gängige Sozialformen, ihre Einsatzmöglichkeiten sowie passende Aufgaben und Methoden.
Plenum:
- Einsatz: Gut geeignet für die gemeinsame Einstimmung, Input-Phasen oder die Zusammenführung von Ergebnissen.
- Mögliche Aufgaben:
- Entwickelt gemeinsam Leitfragen zum Thema!
- Diskutiert die Hauptthesen des Inputs.
Murmelgruppen:
- Einsatz: Ideal für den Einstieg in ein Thema oder zur Reflexion. Zwei bis drei Personen tauschen sich kurz aus. Anschließend können wichtigste Aspekte im Plenum geteilt werden.
- Mögliche Aufgaben:
- Was ist Ihre erste Assoziation zu diesem Thema?
- Teilt eure bisherigen Erfahrungen!
- Wie könnte das Thema aus der Perspektive von XY aussehen?
Partner*innen-Arbeit:
- Einsatz: Fördert intensiven Austausch und lässt individuelle Perspektiven detaillierter herausarbeiten.
- Mögliche Aufgaben:
- Entwickelt gemeinsam eine Pro- und Contra-Liste zu einer Fragestellung!
- Tauscht euch über die Herausforderungen in einer konkreten Situation aus und entwickelt Lösungsansätze.
- Was ist dir am Thema XY besonders wichtig? Interviewt euch gegenseitig!
Kleingruppenarbeit:
- Einsatz: Effektiv für tiefer gehende Diskussionen, kreative Aufgaben und das Erarbeiten von Ergebnissen.
- Mögliche Aufgaben:
- Brainstorming oder Brainwriting zu einer Fragestellung.
- Entwickelt ein Modell oder eine Visualisierung, die eure Ergebnisse darstellt.
Aufgaben und Methoden für jede Sozialform
- Ideensammlung:
- Sammelt Sätze oder Begriffe aus der Perspektive von XY!
- Brainstorming oder Brainwriting zu einer offenen Fragestellung.
- Automatisches Schreiben: Schreibe für eine bestimmte Zeit ohne den Stift abzusetzen und ohne nachzudenken, einfach was kommt. Im Anschluss werden relevante Inhalte im entstandenen Text markiert.
- Assoziationen zu Bild-Impuls-Karten: Ziehe eine zufällige Bildkarte und knüpfe Verbindungen zum Thema.
- A-Z Methode: Finde Begriffe, Aspekte zum Thema, die mit den Buchstaben A, B, C, D und so weiter beginnen, bis das das gesamte Alphabet durch ist.
Bei allen Formen der freien Assoziation kommt es bei Ideensammlungen darauf an, zwischen Sammlung und Bewertung von Ideen zu trennen!
- Theaterpädagogische Methoden:
- Entwickeln Sie ein Standbild, das Ihre Sichtweise oder ein Problem darstellt.
- Findet eine Körperhaltung, die deiner Stimmung in einer bestimmten Situation entspricht! Versuche alternative Körperhaltungen und beschreibe, ob/wie sich das Gefühl zur Situation dadurch ändert.
- Spiele eine improvisierte Szene, die zeigt, wie eine Zielgruppe auf eine bestimmte Idee reagieren würde.
- Erzähle eine kurze Geschichte (Storytelling), die das Thema illustriert. Finde eine alternative Geschichte, die andere Aspekte / Haltungen / Perspektiven betont.
- Reflexion und Analyse:
- Diskutiert in der Gruppe: Welche Argumente sprechen für, welche gegen eine bestimmte Lösung?
- Fassen Sie Ihre wichtigsten Erkenntnisse in drei Sätzen zusammen.
Ergebnisse zusammentragen, sichtbar machen und abschließen
Am Ende eines Workshops ist es wichtig, die Ergebnisse der einzelnen Gruppen zusammenzutragen und gemeinsam auszuwerten. Methoden dafür sind z.B.:
- Präsentation: Jede Gruppe stellt ihre Ergebnisse im Plenum vor. Nutzt dazu Flipcharts, Pinnwände oder digitale Tools, um Ergebnisse sichtbar zu machen.
- Diskussion: Besprecht Gemeinsamkeiten, Unterschiede und offene Fragen.
- Dokumentation: Haltet die Ergebnisse schriftlich oder digital fest, um sie allen Teilnehmenden zugänglich zu machen.
- Nächste Schritte: Vereinbart konkrete Aufgaben und Verantwortlichkeiten für die Umsetzung der Ergebnisse.
Wir hoffen, dass diese allgemeine Übersicht hilfreich für deine Workshop-Gestaltung ist. Diese Übersicht ist als grober Rahmen für deine Workshop-Gestaltung gedacht.
Wenn du dir Beratung für dein spezifisches Workshop-Konzept wünschst, sind wir gerne für dich da. Für ein unverbindliches Kennenlernen und die Auftragsklärung berechnen wir keine Kosten. Gerne begleiten wir dich bei der Anpassung an deine Zielgruppe, Themenstellung und zeitlichen Ressourcen.
Melde dich dazu gerne einfach per Mail bei uns. Wir freuen uns, von dir zu hören!
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Methodik ist Banane

Einer der schönsten Workshops, den ich in letzter Zeit erlebt habe, verstieß gegen all unsere methodischen Regeln der Workshop-Gestaltung. Er erreichte eine tiefe Auseinandersetzung über Identität, spontane Lebensentscheidungen und die Haltung zum Leben im Allgemeinen – und das ohne einen professionellen Aufbau, so wie wir ihn seit Jahren anwenden und lehren. Wie war das möglich? Die Antwort könnte eine ästhetisch-performative sein.
Im Rahmen meines Lehrauftrags an der Frankfurt University vermittle ich Studierenden der Sozialen Arbeit, wie man gute Workshops aufbaut. Es geht dabei um künstlerisch-ästhetische Medien. Die Studierenden im Bachelor suchen sich eine Kunstform aus, mit der sie bereits eigene Erfahrungen gemacht haben, und gestalten dann einen Workshop für andere Studierende.
Das Seminar ist dadurch sehr abwechslungsreich, sehr praktisch und hoffentlich auch ein Beispiel für einen gemeinsamen Lernprozess. Wir hatten schon einige sehr schöne Workshops! Und auch ich habe dabei immer wieder viel gelernt.
In diesem Rahmen bot eine Studierende im Sommersemester 2024 einen Tattoo-Workshop an. Mit „Stick and Poke“ zeigte sie uns die einfachste Art Tattoos zu stechen. Wir probierten dies nicht an uns selbst, sondern an Bananen aus. Die Studierende hatte damit Erfahrung – auch auf der eigenen Haut und griff damit meinen Impuls auf, sich ein Workshop-Thema zu suchen, zu dem sie einen persönlichen Bezug hat.Das Interessante für mich war, dass ich den Workshop als sehr gelungen empfand, obwohl er didaktisch auf den ersten Blick gegen viele der Regeln verstieß, die ich vorher als Orientierung zum Aufbau guter Workshops vermittelt hatte. Normalerweise folgt ein Workshop bestimmten Phasen, in denen die Teilnehmer*innen in das Thema eingeführt werden, kreativ arbeiten, eine Auswahl weiterverarbeiten und am Ende ihre Ergebnisse präsentieren. Diese Struktur hilft den Teilnehmer*innen, sich mit neuen künstlerischen Medien vertraut zu machen, weder über- noch unterfordert zu sein und den Arbeitsprozess als stimmig zu erleben – so die Theorie.
Der Tattoo-Workshop begann mit einer rein technischen Einführung in die Werkzeuge und Sicherheitsmaßnahmen – keine Impulse zu persönlichen Bezügen zum Thema, keine Abfrage von Erfahrung der Teilnehmer*innen. Es gab auch keine Entwurfsphase für Motive, sondern es wurde gleich drauflos tätowiert. Es gab keine Form der Auswahl, besonders gelungener Versucher und auch keine strukturierte Form der Präsentation, kein angeleitetes Feedback, keine methodisch gerahmten Impulse zur Reflexion, wie ich mir das eigentlich vorgestellt hatte. Hin und wieder wurde ein Foto gemacht – aber auch das war nicht angeleitet, sondern eher privat motiviert.
Dennoch – oder gerade deshalb (?) – entstanden neben den Motiven auf der Bananenhaut, Gespräche über Erfahrungen mit Tattoos, über die Bereitschaft, mit spontanen Entscheidungen zu leben, die man irgendwann einmal getroffen hat, über die Bedeutung von Markierungen am Körper, Narben im Leben, die zum Teil der Persönlichkeit werden, Gespräche über Nähe und das Bedürfnis nach Distanz und Identität.
So bot dieser Workshop mit ein paar einfachen Werkzeugen und Bananen, die auf einen Tisch vor der Uni gelegt wurden, einen Rahmen für sehr persönliche Gespräche und Reflexion; die Gruppe, so schien es mir, war sich in diesem Workshop besonders nah.
Da ich mich für „Rezepte“ für gute Workshops interessiere, um diese in meinen „Werkzeugkasten“ für gute Workshops legen zu können, frage ich mich, wie diese soziale Interaktion initiiert wurde. Eine große Rolle spielte dabei vermutlich, dass die Workshopleiterin eine Kunstform einbrachte, zu der sie selbst einen starken persönlichen Bezug hat. Sie war bereit, ihre persönliche Erfahrung in den Workshop einzubringen. Es waren eben doch nicht nur ein paar Bananen auf einem Tisch, sondern eine Workshopleiterin, die damit zu sich selbst als Person einlud. Über das Medium Stick-and-Poke Tattoo und die Möglichkeit auf Bananen damit etwas ausprobieren zu können und die Vorstellung, dass dies auch auf der eigenen Haut tätowiert werden könnte, bot sie den Teilnehmer*innen eine Brücke zu sich selbst. Am ehesten lässt es sich für mich als performativen Akt verstehen, durch den sich die Workshopleiterin hier als Performance-Künstlerin selbst in den Dienst einer sozialen Interaktion stellte. Dieser performative Akt hat einen sozialen Raum eröffnet, der über die handwerkliche Tätigkeit zur Reflexion und zum Austausch einlud.
Eine professionelle soziale Arbeit kann dies sicher nicht immer und überall, wo sie gebraucht wird, bieten. Eine gute Methodik kann einen Rahmen bieten, um Lernprozesse und auch Persönlichkeitsentwicklung zu ermöglichen. Diese Methodik kann man lernen und wir wenden sie in unseren Beratungen und Bildungskonzepten immer wieder erfolgreich an. Das Beispiel erinnert mich aber einmal mehr daran, dass gute Methodik nicht alles ist, sondern mit Leben, mit Persönlichkeit gefüllt werden muss. Der Workshop erinnert mich außerdem daran, dass wir zwar Impulse geben können, uns davon sicher auch das ein oder andere versprechen sollten – es aber ebenso wichtig ist, gerade auch das aufzugreifen, was wir nicht erwartet haben. In diesem Fall wurde nicht meine gelehrte Methodik angewendet, aber das größere Ziel hinter der Methodik erkannt und ein eigener künstlerischer performativ-ästhetischer Weg dort hingefunden. Diesen Prozess hatte ich so nicht erwartet und doch ist genau dies für mich nun die wertvollste Erfahrung, für die ich sehr dankbar bin.
An diese Stelle passt der Link zum Blog des Master-Studiengangs Performative Künste in Sozialen Feldern an der Frankfurt University of Applied Sciences. Wer sich für künstlerische Interventionen im Kontext sozialer Arbeit interessiert, wird hier sicher noch weiter fündig. Und vielleicht ist es ja auch für ein*e Leser*in ein Impuls für ein neues berufliches Feld – aber wer kann schon genau sagen, was unsere Impulse so auslösen 😉
Und weil es irgendwie auch passt: Hier noch ein Beitrag des Deutschlandfunks über die Bedeutung der Banane in der Kunst. Viel Spaß beim Hören!

